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Lydia Mischkulnig

Biografie

Lydia Mischkulnig (1963) woont en werkt in Wenen en Nagoya (Japan). Na studies in muziek, film en podiumkunsten, debuteerde ze in 1994 met de roman Halbes Leben. Tijdens haar residentie in Brussel werkte ze aan een roman over stalking en amour fou en aan een groot essay over Jean Améry, de Oostenrijks-Joodse schrijver die tijdens het nazibewind naar België werd verbannen. In 2007 stichtte ze samen met schrijfster Sabine Scholl de literaire beweging Tinternational Textunternehmen.

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Auteurstekst

Welcome

Die Dichterwohnung gefiel mir auf Anhieb. Hohe Räume, nur das notwendigste Mobiliar und helle Stimmung empfingen mich, die neue Autorin. Arbeits- und Schlafzimmer lagen voneinander weitestmöglich entfernt, weswegen ich diese Wohnung für ihre langen Gänge schätzte, und die Spiegel, die meine Einsamkeit, in die ich mich einlebte, beschützten. In Brüssel zu wohnen, war mir wichtig, um die vier Wände auch flüchten zu können, schnell unter Leute zu geraten und durch die Stadt zu wandern, wann immer es mir beliebte. Der Unterschied zu einem Landaufenthalt ist die Chance, in der Stadt von Raum in Raum zu geraten, Plätze, Gassen, Straßen wie Korridore zu benützen, die mir das Gefühl von Ziel geben, wo ich dann Platz nehmen kann.
Mir gefiel die Tatsache, aufgrund meiner literarischen Arbeit, die einer Herkunfts -Erkundung gleichkommt, nach Brüssel eingeladen worden zu sein, in die europäische Stadt mit Delikatessen. Als erstes kaufte ich mir im Supermarkt eine Taschenlampe, weil im Stiegenhaus zu meiner Wohnung das Licht ausgefallen war. Hausmeister gab es nicht, die es repariert hätten, und von allein reparierte sich das Licht auch nicht, den ganzen Aufenthalt lang.

Schon am zweiten Tag fuhr ich nach Breendonck, um den Spuren des Exilanten Jean Amery´s zu folgen, der in „Jenseits von Schuld und Sühne" in bahnbrechenden Essays als Auschwitz-Überlebender, an die Grenzen des Geistes schreitet. Ich bin das erste Mal 2005 in einer KZ-Gedenkstätte gewesen, in Breendonck, und verfertige seither Skizzen, Skizzen, Skizzen von meinen Eindrücken.

Das Gefühl zu versagen verfolgte mich in Brüssel von Anfang an, als die junge Dame des Literaturhauses, die mich abgeholt hatte, mit meinem zuletzt erschienen Buch als Erkennungszeichen in der Hand, wie ein Wachtturm herumstand. Das heißt im Prinzip: Mein Schreiben soll Sinn machen. Mehr brauch ich nicht zu denken, um in Schreibkrise zu verfallen.
Jetzt wo ich diesen Satz schreibe, fällt mir ein, wie ich in Brüssel Radio hörte und der Fall eines zweiunddreißigjährigen Österreichers berichtet wurde, der in der Nacht seine Eltern mit der Axt überfallen hatte und das schlafende Paar im Bett erschlug. Nur einen Denkzettel wollte er erteilen. Doch leider konnte er weder lesen noch schreiben. Agrarsubventionen sollten in europäische Bildungs- und Kulturpolitik fließen, damit die Leute scharfe Texte schreiben, um das gefrorene Meer in uns aufzuhacken, anstatt zur Streitaxt zu greifen.

Ein Blick in den Spiegel über dem Eßzimmerkamin, machte mir klar, hier wirst du einmal gewesen sein, und daß ich mich zu lang im KZ aufgehalten hatte. Ich hatte tiefe Augenringe und das Gefühl zu ersticken. Ich riß den Mund auf und leuchtete mit der Taschenlampe in den Schlund. Da haben wir sie ja, dachte ich, die verdächtigen Tupfer auf den Mandeln sitzen. Ich hatte mir in Breendonck eine Angina geholt.

Je älter ich werde, umso entsetzlicher wird mir das Wissen um die Möglichkeit von Auschwitz. Ich bin so frei, den österreichischen Gesellschaftskörper zu verlassen, um in den belgischen zu schlüpfen, und deshalb weiß ich überhaupt nichts außer von mir, daß ich empfindlich bin. Die belgische Ärztin sagte, daß „empfindlich" auf flämisch „quetschbar" heiße. Die Krater auf meinen Mandeln sind Abdruck der erlebten Wirklichkeit der ungesunden Feuchte im betongeschwürigen Breendonck.

Brüssel-Schlaglöcher im Gehsteig, abgefuckte Fassaden,f einste Restaurants, Café au laboureur, die neoklassizistische Börse, die die Obdachlosen bepissen. Das Pain Quotidien, wo ich täglich zum Frühstück flute aux noix aß und dazu in Amery´s Werk las. Die aufgeplatzten Raucherbeine und gesprungenen Ödemhäute der Obdachlosen. Passaporta und Het Beschrijf, die Literatur, Internationalität, Vitalität und die Individualität, die ich als Autorin allein, in aller Ruhe, erlebte, mitten in drei Zimmern, und alle für mich allein. In Wien teile ich sonst die Räume mit meinen Kindern.

Die Ärztin meinte, ich sei wohl jemand, der das Wetter in Brüssel nicht ernstnähme. Ich zuckte mit den Schultern. Sie riet mir, mich ins Bett zu legen und Antibiotika zu schlucken.
Ich fuhr gleich nach meiner Behandlung nach Antwerpen, wo ich an der Universität vom „ich" in seiner literarischen Gestaltung vorlas. Schon im Zug nach Antwerpen spürte ich den zunehmenden Druck im Hals, ich schluckte die Antibiotika. Doch kaum angekommen, waren die Mandeln derart angeschwollen, daß ich keinen Laut aus der Kehle brachte. Ich konnte nur noch flüstern und so flüsterte ich ins Mikrofon. Es war mucksmäuschenstill und eine unvergesslich geheimnisvolle Stimmung breitete sich aus-zumindest für mich, als ich ins Mikrofon flüsterte, von Nobelpreismachern, juristischen Personen, Menschenfressern und Putzfrauen erzählte, die für Zombies Flecken von ihren weißen Westen entfernen.
Erschöpft kehrte ich nach Brüssel zurück und lag für Tage erledigt im Bett meiner Brüsseler Wohnung - und als ich genesen in einem Restaurant saß, und mitbekam, daß eine Brüsseler Familie sich fragte, woher ich stamme, spitzte ich die Ohren. Aus Frankreich? Non, da würde sie uns verstehen? Aus dem Norden vielleicht? Dazu sei sie zu klein. Aus dem Osten? Dazu sei sie zu zart. Nordgriechin vielleicht? Ich, die ich ja kaum französisch spreche, während ich die Muscheln ihrer Schale entriss und verschlang, bedachte nur meine struppige Frisur von der Bettlägrigkeit. Certainement elle a besoin d´une coiffure, sagte Madame spitz, und da dachte ich, kümmere dich um dein eigenes Fett, und antwortete auf Australisch, daß ich ein Känguruh sei.

Ein paar Tage später wurde ich aufs Land zum Essen eingeladen. Ich spazierte in Vollzelle über die Wiesen. Aufgewachsen in sprachrassistischer Landschaftsidylle, verfalle ich bei der Vorstellung auf dem Lande leben zu müssen, in tödliche Langeweile, die ich Zeit meines Lebens nie mehr zu riskieren mir geschworen habe. Ich verknüpfe mit Vergänglichkeit biologische Landschaftsorganik. Zudem spiegelt die Natur bei jedem Schritt, den ich in ihr mache, die Mittäterschaft an Verletzung. Alles Mögliche stirbt unter meinen Sohlen, während ich unweigerlich auch bewegunglos altere. Die Natur wächst ja wieder, nur ich nicht, wenn es mit mir zu Ende ist. Die sanft hügelige Landschaft um Vollzelle und Mechelen und Breendonck täuschte darüber nicht hinweg. Eine verhaltensauffällige Ruhelosigkeit packte mich, sobald es natürlich grün ward und Kühe zu weiden begannen und Pappellalleen Wege säumten, die ins Offene führen mochten, mich ins geschlossene, in die Konkavität des Auffanglagers und KZs. Der Landstrich um die Villa Hellebosch ist aber von einer eleganten Geschwungenheit! Dort hauchte ich mir Natur an. In Breendonck Gruftluft. Ich erinnere mich des Grabsteinverkaufshauses an einer Kreuzung, wo wir unfallfrei vorbeigefahren waren. Dort wäre ich sicher vorbeispaziert, um in ein Kaffeehaus zu kommen, hätte ich in der Villa Hellebosch residiert.
Ich war auch am Meer. Es war stürmisch gewesen. Der Sand kratzte im Hals und rieselte wie durch ein Stundenglas. Ich bin Amery nachgegangen. War es Pflichtgefühl oder Mutprobe? Schatten sind entweder Schatten oder Kinderspuk. Fesseln sind Fesseln. Haken sind Haken. Folterknechte sind Folterknechte. Gespenster sind losgelöste Erinnerungen, und gehören gebunden, sagt Ruth Klüger. Fischaugige Lunge ist fischaugige Lunge. Ist ein atmendes Auge. Ein Glaskörper, in den ich schaue. Der Blick ist in die Erinnerung gerichtet und von dort schaut das Auge auf mich zurück. Das Licht war eine Funzel. Fernsehapparate flimmern und rauschen, was gestern passiert ist kommt jetzt wieder als Zeit im Bild. Die fischaugige Lunge ist ein Glaskörper, und pulsiert, atmet. Ein sinnloses Bild von einem sinnlosen Bild- darin liegt die Unmöglichkeit, das Nichts darzustellen. Zorn, der mich fesselt, weil ich von Zorn, etwas verstehe. Das Nichts hat Mauern. Gefängnis, Strukturen, Materie, Stümpfe, Rümpfe, Reste. Ich suchte Peilpunkte , die ich als Lichtschalter betätigen hätte können, um mit meiner Schau den schrecken zu erhellen.
Passaporta, war mit großen Spiegeln ausgestattet und der Blick hinein, sagte daß ich etwas tun muß. Meine Lage war günstig! Ich war an Amerys Exilort. Brüssel, verfügte über Geld, und war in guter Gesellschaft. Gemeinsam mit der Amery-Expertin Irene Heidelberger-Leonard initiierte ich die Ehren-Plakette auf Amery´s letztem Wohnhaus in der Rue Coghen 56, in Bruxelles, Uccle. Die österreichische Botschaft enthüllte die Tafel im Juni 2006.

Schäfchenwolken über dem flämischen Hügelland. Friedlich, sanft am Tag der Enthüllung. Irgendwo steckt der Vlaamsbock(!). Hellsehen ist Erinnerung.

Ich bin stolz auf die Plakette an Jean Amerys Wohnhaus, sie macht Eindruck und einen Teil meines „fuit hic" aus.

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Vertaling

Nederlandse vertaling opgenomen in Aankomen in Brussel.Schrijvers op bezoek, cahier van Het beschrijf verkrijgbaar in de boekhandel.

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Passa Porta
2.05.05 > 30.05.05

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