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Eugen Ruge

Biografie

Eugen Ruge (1954) werd geboren in de Sovjet-Unie, maar bracht zijn jeugd door in Oost-Duitsland. Hij studeerde er wiskunde, en werkte er als wetenschappelijk medewerker aan de Oost-Duitse Academie van Wetenschappen. In 1988 emigreerde hij naar de Bondsrepubliek en begon hij te werken als schrijver, documentairemaker en scenarioschrijver voor theater. Hij woont en werkt vandaag afwisselend in Berlijn en op het eiland Rügen.

Eugen Ruge debuteerde in 2011, op 57-jarige leeftijd, met de autobiografische roman In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt). Deze roman vertelt het verhaal van drie generaties van een Duits-Russische familie, en schetst de geschiedenis van het Duitsland van de twintigste eeuw. Het boek werd bekroond met de Aspekte-Literaturpreis en met de prestigieuze Deutscher Buchpreis.

Ook internationaal oogstte het boek veel lof omwille van de manier waarop Ruge grote historische gebeurtenissen weet te verbinden met de banaliteit van het dagelijkse leven. In 2012 verscheen de Nederlandse vertaling, In tijden van afnemend licht, bij uitgeverij De Geus. Verder werd het boek vertaald naar het Engels, Frans en Italiaans.

In 2013 verscheen Cabo de Gata (Rowohlt), Ruges tweede roman. Dit verhaal, over zoeken naar zin, onthechting en dankbaarheid, werd eveneens goed onthaald. De Nederlandse vertaling, Nachtbus naar Andalusië, verscheen in 2014 (De Geus).  

Ruges schrijfstijl wordt gekenmerkt door een lichte toon en een eenvoudige en heldere taal, die zijn fijnzinnig gevoel voor humor doet schitteren.   Eugen Ruge verblijft in januari 2016 in de schrijversflat aan de Hallepoort. Hij is een van de drie Duitstalige schrijvers die in 2016 als writer in residence in Brussel verblijven in het kader van Nederland/Vlaanderen gastland van de Frankfurter Buchmesse

 

Foto © Privat 

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Auteurstekst

Brüssel, nicht Brüssel

Nachträglich ahne ich, dass er diese junge Frau war, die mich am Bahnhof MIDI/ZUID abholte und mir im Namen eines bekannten Literaturhauses die Fair-Trade-Coffee-Pads schenkte. Sie war so jung und so, wie soll ich sagen, durchscheinend, dass ich eigentlich hätte misstrauisch werden müssen.

In meiner subjektiven Wahrnehmung/Erinnerung treffe ich ihn jedoch zum ersten Mal im Café Vioson (oder Poisson?), wo wir uns gegen vier Uhr verabredet haben. Das erste, was er sagt, ist, dass er Brüssel auf angenehme Weise als nicht-identisch empfinde (im Gegensatz etwa zu Amsterdam, London, Paris, Berlin, Moskau, Dubai, Rom oder Buenos Aires). Den Rest der Zeit ist er bedauerlicherweise damit beschäftigt, Bekannte im Café Voison oder Poisson zu begrüßen, während ich meinen Kaffee umrühre und beobachte, wie er sich bei jeder Begrüßung ein wenig verwandelt: Trug er noch eben die marineblaue Allwetterjacke, so erscheint er im nächsten Augenblick bloß im ausgeblichenen Hemd, dann hat er plötzlich einen Hut auf dem Kopf und steht im Lodenmantel vor dem Café und raucht eine Pfeife – die selbstverständlich nur die Kopie einer Pfeife ist.

Das nächste Mal sehe ich ihn bei seiner Installation Gutenberg Reloaded Hahahaha. Es handelt sich um Buchstaben, die man vermittels einer speziellen Tastatur zu Worten und Sätzen zusammensetzen kann (man beachte das Wortspiel setzen und Sätzen!). Zu diesem Zeitpunkt nennt er sich auch Johannes und erklärt mir, dass er eigentlich konzeptuell arbeite, weil er es mag, die Dinge zu sharen. Das Gutenberg Reloaded Hahahaha Projekt habe den Fehler, dass es kommerzialisierbar sei. Deswegen habe er es verkauft und beschäftige sich seit einer Weile nur noch mit Social Arts: Networking, gemeinsames Kochen oder freiwillig Babysitten bei Freunden.

Auf die Frage, wie er sein Lebensunterhalt finanziert, erklärt er mir, dass er, obwohl er lediglich die deutsche/ niederländische/ israelische Staatsbürgerschaft besitze, vom Belgischen Staat eine Art Künstlergeld erhalte. In Wirklichkeit sei er nämlich Musiker und Fotograf. Das Künstlergeld beträgt Hundert Prozent von irgendwas, das ich nicht verstanden habe, abzüglich dessen, was er verdienen muss, um Anspruch darauf zu haben. Wobei er aber nicht arbeiten darf. So dass er zugleich Künstler und arbeitslos ist. Sein Künstlername ist Richard Wagner, sein Arbeitslosenname ist Klaus. In Wirklichkeit heiße er allerdings Dilara, verrät er mir, und sei die Tochter eines aus dem Iran in die Sowjetunion geflohenen Kommunisten, die, durch die Perestroika vertrieben, inzwischen in Schweden lebt, wo sie als dunkelhaarige Minderheit gelte, weswegen sie nach London emigriert sei.

Tatsächlich treffe ich Dilara am nächsten Tag auf dem Großen Markt, wo er/sie, leise singend, Postkarten verkauft, die sich aber nicht verkaufen. Bereitwillig zeigt er/sie mir Denkmäler berühmter belgischer Persönlichkeiten, wobei er/sie aber darauf Wert legt, sie zu verwechseln. Später erfahre ich, dass es sich um eine Performance handelt.

Inzwischen fange auch ich an, mir Sorgen um meine Identität zu machen. Fürs Erste lasse ich einmal meine morgendlichen Gymnastikübungen weg (die Bezeichnung Gymnastik war mir ohnehin seit einiger Zeit unerträglich). Probehalber schlafe ich den ganzen Tag und logge mich abends in den chat with random strangers ein, wo ich ihn/sie aber sofort antreffe, dieses Mal in Gestalt einer schwarzen Prostituierten mit Übergewicht. Da ich noch immer wenig Übung im Wechsel von Identitäten habe, entlarvt sie/er mich sofort und bietet mir fair trade einen Blowjob an, den ich mit schlechtem Gewissens ablehne. Ersatzweise empfiehlt sie mir die Besichtigung des Justizpalastes, wo er selbst gerade wegen prätentiöser Rhetorik und bewusster Verunklarung zu lebenslänglicher Sicherheitsverwahrung vor Gericht steht.

Gott sei Dank gelingt es uns, durch einen der unbekannten vierundvierzig Ausgänge zu entkommen. Als Fluchtfahrzeug benutzen wir eine alte Straßenbahn. Unterwegs halten wir kurz an, weil er mir sein liebstes Antiquitätengeschäft zeigen will. Brüssel, muss man wissen, ist berühmt für Antiquitäten. Und für kipplige Pflastersteine, aus denen, wenn man drauftritt das Schmutzwasser spritzt – vorausgesetzt natürlich, es regnet. Was aber täglich der Fall ist. Als Gegenleistung lade ich ihn zum Essen ein. Erfreulicherweise ist Alexander, wie er in Wirklichkeit heißt, zugleich Vegetarier und Fleischesser, allerdings hat er gerade auf Trennkost umgestellt: Er isst sequentiell, was die Angelegenheit erheblich verzögert. Allmählich mache ich mir Gedanken wegen unserer Verfolger. Allerdings stellt sich heraus, dass er selbst der Verfolger ist: Er ist sein eigener Polizist, und hat sich, wie er mir versichert, voll unter Kontrolle.

Dies ruft bei mir starke Bewunderung hervor und spornt mich an, wenn das Wort noch erlaubt ist, meine essentialistischen Identitätsvorstellungen endlich über den Haufen zu werfen. Zunächst versuche ich es mit einer Geschlechtsumwandlung und nehme Hormonpillen ein. Leider muss ich während des Transformationsprozesses immerzu an meine Umsatzsteuervoranmeldung denken. Auch schleppe ich noch immer meinen altbekannten Vater-Sohn-Konflikt mit mir herum. Schließlich gehe ich zu einem gerade ziemlich angesagten Coiffeur und lasse mir einen Teil des Gehirns amputieren.

Endlich glaube ich, aufgeholt zu haben, jedoch – weit gefehlt. Inzwischen hat er/sie/es sich in eine fluide Persönlichkeit verwandelt, die übrigens nicht mehr er/sie/es genannt werden darf. Er ist die Differenz. Er ist die Auflösung der Differenz. Neuerdings kommt er auch aus der Kaffeemaschine. Er ist das Kaffeepad, das mir jemand, den ich aufgrund der Gehirnamputation leider vergessen habe, am Anfang geschenkt hat. Er ist der Pflasterstein. Er ist der Regen. Er ist, jetzt fällt es mir ein, der berühmte Flohmarkt in der Rue Blaes. Er ist Brüssel. Er ist nicht Brüssel. Denn natürlich existiert Brüssel nicht. In Wirklichkeit, erzählt mir Piet, während wir schon wieder – oder noch immer? – im Café Voison oder Poisson sitzen, existieren nämlich nur neunzehn unterschiedlich arme Bezirke. Plus Europaparlament. Welches aber nur halb existiert, da es sich zugleich in Strasbourg befindet. Plus Molenbeek, das gleich mehrfach existiert, durch Vervielfältigung in den Medien. Plus minus Null. L’addition, s'il vous plaît.

 

Schade, ich wäre gern in Brüssel gewesen.

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Vertaling

Eugen Ruge schreef een verhaal over de vloeibare identiteit van de stad, gepubliceerd in de Standaard der Letteren op 1 april 2016.

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Porte de Hal
4.01.16 > 31.01.16

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