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Tanja Dückers

Biografie

Tanja Dückers (1968) woont in haar geboortestad Berlijn en verbleef eerder al in Barcelona, Los Angeles, Praag en Krakau. Ze behoort tot de groep jonge auteurs die schrijven over de hedonistische levensstijl na de val van de Berlijnse muur en die daarbij vaak gebruik maken van autobiografische elementen. Ze vertrekt vanuit de werkelijkheid en documenteert zich vaak door notities te nemen op straat. Naast haar poëziebundels en een boek met kortverhalen (Café Brazil, 2001) publiceerde ze drie romans: Spielzone (1999), Himmelkörper (2003) en Der längste Tag des Jahres (2006). Verder verschijnen in Duitse bladen vaak artikelen van haar hand over uiteenlopende culturele onderwerpen. We nodigden haar uit i.s.m. het Goethe Institut ter gelegenheid van het Duitse voorzitterschap van de EU. Zie ook haar persoonlijke website www.tanjadueckers.de.

Tanja Dückers nam ook deel aan de eerste editie van het internationale Passa Porta Festival van 19 tot 22 april 2007. Op de slotdag, Het groot beschrijf, praatte ze met de Duitse uitgever-criticus Christoph Buchwald en de Vlaamse auteur Paul Verhaeghen over tijdsbeelden, moreel besef en waarheid in literatuur.

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Auteurstekst

Das doppelte Land - über Belgien

Von Deutschland aus betrachtet erscheinen die Probleme kleiner Länder fälschlicherweise oft als klein. Es ist bezeichnend für die Politik Deutschlands in den vergangenen Jahren gewesen, daß starke Allianzen eher mit sogenannten Großmächten wie Frankreich und Rußland als mit Ländern wie Polen oder den Beneluxländern geschlossen wurden. Das entsprach ganz Schröders kraftmeierischer Politik der „großen Gesten". Auch hat man in Deutschland lange gebraucht, um nach den Morden an Theo van Gogh und Pim Fortuyn in Amsterdam die Beneluxländer nicht nur als kleine friedliche Grasflächen mit ein paar Fahrradfahrern und doppelt so viel Kühen und Schafen anzusehen.

Ferner neigt man in Deutschland dazu, Belgien nur noch als Land des EU-Sitzes und mehr als eine eigene Nation mit individuellen Problemen wahrzunehmen. Was in Deutschland viel zu wenig Beachtung bisher gefunden hat, ist die Beziehung der flämisch- und der französischsprechenden Belgier untereinander.

In Belgien leben 10.511.382 Millionen Menschen, davon ca. 870.862 Ausländer (Stand: 01.01.2006) 6.003.351 in Flandern, 3.413.978 in Wallonien (davon Deutschsprachige Gemeinschaft ca. 72.000). Es ist in viel stärkerem Maße als Länder wie Deutschland oder Frankreich ein Land ohne sprachlich-kulturelle Majorität, ohne wie auch immer ausgeformte Minoritäten, sondern eher ein Land, in dem es eben keine „Leitkultur" gibt. Ich war also - aus Deutschland (Berlin) kommend und von landestypischer Belgienunwissenheit - während meines einmonatigen Aufenthalts immer wieder überrascht, wie oft das Thema der Beziehung zwischen französisch- und flämischsprachigen Belgier Gesprächsgegenstand war. Unabhängig von Alter, Geschlecht und Wohnort (Stadt oder Land) scheinen die Belgier sehr besorgt um die Zukunft ihrer multikulturellen Nation zu sein. In Belgien spielt sich vielleicht im kleinen Maßstab ab, was sich in anderen Ländern in größerem Maßstab zuträgt. Aber so „klein" ist der Maßstab wiederum auch nicht; es geht jeweils um Millionen von Menschen. Erschreckend ist, wie viele Vorurteile übereinander auch in sogenannten „gebildeten" Schichten anzutreffen sind. Bekannte Künstler, Kulturvermittler und -schaffende halten entweder die französischsprachigen Belgier für arbeitsscheu und unordentlich oder die flämischsprachigen für überheblich, über-akkurat und gefühllos. Den Flamen wird unterstellt, ihr wirtschaftliches Monopol nicht transparent zu gestalten, den Wallonen, zu wenig zur ökonomischen Prosperität des Landes beizutragen. Übereinstimmend wird konstatiert, daß es kaum soziale Vermischungen gibt: Man bleibt unter sich. Dies ist ein sehr trauriger Umstand und wirft die Frage auf, wie denn die Integration zum Beispiel von Marokkanern (Belgien), Surinamesen (Niederlande), Pakistanern (Großbritannien) oder Türken (Deutschland) funktionieren soll, wenn nicht einmal Bevölkerungsgruppen mit vergleichsweise ähnlichem Hintergrund Nähe zueinander suchen.

Sprache scheint eine stark trennende Funktion zu besitzen: Viele Flamen klagen, daß die französischsprachigen Belgier nie flämisch lernen und sich auf den Lorbeeren ihrer „Weltsprache" ausruhen würden. Viele Franzosen sehen nicht ein, flämisch zu lernen - wenn sie sich eh kaum außerhalb von Wallonien aufhalten und schon in Brüssel, nicht nur der Hauptstadt Belgiens und der EU, sondern auch der Flamen, mittlerweile mehr französisch zu hören ist als flämisch.

Über die Einschätzung der Zukunft geht die Meinung stark auseinander. Hier scheint eher persönlicher Optimismus oder Pessimismus ausschlaggebend für die Beurteilung der Lage zu sein:

Els Viaene, eine junge Journalistin von Radio Tri, ist der Ansicht, daß sich das Verhältnis der verschiedenen kulturellen Gruppierungen in Belgien zunehmend verschlechtert. Sie berichtet, wie sie in einem Café einen Kaffee bestellen wollte und dies auf Flämisch, ihrer Muttersprache, tat: „Een koffie, alstublieft."

Die offenbar französischsprachige Dame an der Theke - ebenfalls eine junge Frau unter Dreißig - blaffte nur zurück: „Quoi? Quoi?". Dabei klingen „koffie" und „café" nun wirklich nicht so verschieden, daß man die Gästin nicht hätte verstehen können. Die Journalistin mußte nun ihren Satz ergeben noch einmal auf französisch wiederholen - eine kleine Schikane, nichts anderes.

Der Antwerpener Theaterkritiker Kurt Vanhoutte, Mitte Dreißig, sieht die Zukunft wiederum rosiger: „Meiner Mutter war es noch als Kind auf dem Spielplatz verboten, auch nur ein Wort in flämisch von sich zu geben - und wenn ich mit ihr in eine Konditorei ging, bediente man uns nicht, wenn wir nicht französisch sprachen. So ein Geist weht doch nun heute wirklich nicht mehr. Die Jüngeren sind es gewöhnter als in jeder Generation davor, Fremdsprachen zu lernen, mobil zu sein, zu reisen ... man denkt nicht mehr so national ..."
Hoffentlich behält er recht.

© Tanja Dückers, Vollezele / Berlin, im April/Mai 2007

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Villa Hellebosch
2.04.07 > 30.04.07

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