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Anselm Gl├╝ck

Biografie

Anselm Glück (Linz, 1950) is een bekende Oostenrijkse schilder en auteur van experimenteel proza, theaterteksten en operalibretti. En is apotheker van opleiding. Nadien studeerde hij ook Sinologie en Volkskunde in Wenen. Voor zijn uiteenlopende literaire werk ontving hij meerdere prijzen. De meest recente, de Preis der Literaturhäuser, ontving hij in 2008 als bekroning voor zijn omvangrijke oeuvre dat hij, volgens de jury, steeds op originele wijze weet te presenteren. Enkele van zijn recentste werken zijn Inland (Literaturverlag Droschl, 2000), Innerhalb des gefrierpunktes (Literaturverlag Droschl, 2003) en Die Maske hinter dem Gesicht (Jung und Jung Verlag, 2007).

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Auteurstekst

 

Anselm Glück

 

es heißt, jeder schaufelt sich sein eigenes grab und bereitet sich darin seine eigene hölle

zum beispiel:

etwas drängt die landschaft immer dichter an den horizont. das zimmer steckt, bis ich es betrete, als ahnung im inneren blickfeld, an den vorhängen beginnt das muster zu rutschen und verschwindet im teppich, und der spiegel beherrscht den raum. um möglichst schnell die seiten zu wechseln, nehme ich anlauf, springe hoch und verliere unterwegs den körper

etwa:

im zurückschauen zusammenbrechen

 

nach dem fehlstart all die fehlentwicklungen, quer durch die jahrmillionen, und heute sitzt ein garstiger durchschnitt an den schaltstellen und lenkt die welt ins verderben. während ich, als wär nichts, durch brüssel spaziere und an all die leichen denke, die um mich liegen, in spitälern und aufbahrungshallen, in wohnhäusern und in den gassen - ich habe vorhin bei mir um die ecke eine tote liegen gesehen - ich denke aber nicht nur an die verstorbenen, die mich jetzt, hier und überall in der welt, umgeben, sondern quer durch die zeiten an alle. all jene zum beispiel, die diese stadt bisher belebt haben. plötzlich fallen sie um und sind tot. oder sie kriegen schmerzen, müssen sich setzen, dann hinlegen, man trägt sie davon, öffnet sie, nimmt etwas heraus, tut etwas hinein, aber es nützt nichts und sie schreien ein letztesmal auf und fangen langsam aber sicher an zu stinken. man schaufelt sie unter die erde, oder setzt sie in brand, männer und frauen, und schon kommt es mir seltsam und unwirklich vor, daß es männer und frauen gibt und daß die sich zusammenstecken, damit wieder ein mann oder eine frau hervorschlüpft und so weiter, und daß die so lange schon über den erdball rennen, der durch den weltraum saust, der sich dabei im moment immer noch schneller ausdehnt, und daß es uns alle, fällt mir ein, nicht mehr lange geben kann, weil die sonne ausbrennt und die erde verschlingt, und keiner wird je wissen, daß es uns gegeben hat und was wir uns angetan haben

weil:

hinter meinem rücken werden abzughähne gespannt. nichts mehr im blick, dreht sich der körper weg und kurz darauf liege ich im bett und stütze die hände auf. vor dem fenster schlängelt sich eine brücke über einen fluß. hinterher zurückgebracht, bemerke ich, daß meine menschengestalt sich mit entsetzen erhebt. die weit aufgerissenen augen dehnen sich stabil. es muß tag sein. jede bewegung steht weiter drinnen für eine andere und durchs fenster bäumt sich das haus weit über die landschaft. am meer räumt der wind den strand weg. ich frage mich, ob mein körper hinter meinem gesicht an seinem bewußtsein bastelt, oder ob das bewußtsein uns nach vor, an die weltfront geschickt hat, und ich versuche mit dem letzten wort dieses satzes pünktlich das erste des nächsten zu treffen. der in mir zuschaut, zeichnet alles nach und etwas davon bleibt in ihm, bis er sich auflöst

wie viel hier in brüssel geküßt wird. liegen zum beispiel am straßenrand, stellen einen pappbecher vor sich hin, damit wir vorübereilenden von unserem schönen geld ein wenig hineinwerfen können, und schmusen wild und greifen sich unter die wäsche. eine brüsseler mode, im zentrum und in der vorstadt auch. kurzweil und zeitvertreib, aber auch einnahmequelle. und wie häufig in den kaschemmen gesungen wird. heftige lieder, eigentlich schlachtgesänge. muslime gehen vorbei, werfen kurz einen blick durch die wirtshaustüren und wundern sich und verurteilen, stelle ich mir vor, den schamlosen umgang des hiesigen proletariats. und mittendrin ich, als fremdkörper. ich verstehe kein wort, sitze still für mich, trinke und ziehe weiter, durch all den reichtum, durch all die pracht und durch all das elend. lachen und heulen rundum, und in mir fröhliches aufmerken und erschrockenes wieder zusammenfahren

aber vorsicht:

wenn stimmen namen rufen, findet sich fast immer einer, der ungefähr so heißt, und während wir ihn heranwinken, quetscht sich die sonne durchs fenster herein. der raum wirbelt. auf dem bodenbelag steht ein sofa, auf dem der, der jetzt nicht da ist, sich im moment nicht wohlfühlen kann. die große erwartung verbindet das fast sichere vorgefühl nahtlos mit der aufdämmernden ernüchterung. der gewordene körper streckt seine willenskräfte, und derart gefangen, verschwindet er in spiegelbildern, in denen er von zeit zu zeit die augen aufschlagen kann. das voneinander gelöste zimmer lauert im dunkeln und ruft sich beim wiedererwachen sofort in erinnerung. eine welt nach der anderen taucht auf und im hellen tageslicht zögert die zeit, weil sie dann umsomehr kommen muß

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Passa Porta
1.06.09 > 28.06.09

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